Zehn Vorurteile zum Grafitti

Die nachfolgenden Antworten auf drei der zehn Fragen sind ein Auszug aus dem Interview mit Shark in dem Buch "20 Jahre Hip Hop in Deutschland" von Sascha Verlan und Hannes Lohn.

Shark aus Dortmund antwortete auf die Vorurteile, bei denen sich heraus stellte, dass es manchmal gar keine Vorurteile waren.

1. Graffiti ist der kreative Ausdruck jugendlicher Kunst und hält die Jugendlichen davon ab, kriminell zu werden.

Shark: Graffiti ist Aktion, das ist das Wichtige für mich bei Graffiti. Es ist kein Konsum sondern du tust etwas. Du ergibst dich nicht den Strömungen dieser Gesellschaft, sondern du machst die Tür deines Zimmers zu und beschäftigst dich mit dir und deiner Malerei. Es gibt dieses uralte Jugendpädagogen- Gerücht, dass man den Kids nur eine legale Wand zu geben braucht, um sie davon abzuhalten, kriminell zu werden. Graffiti ist ein Prozess der systematischen Standbemalung. Du erforscht deine Umgebung, du setzt dich mit der Infrastruktur deiner Umgebung auseinander, du bekommst eine ganz andere Wahrnehmung und nimmst es einfach nicht mehr hin, dass eine Wand nur eine Funktion hat. Für dich besteht alles aus Flächen. Das ist ein riesiger Prozess, der eine völlig andere Denkweise mit sich bringt, die ein Außenstehender auch gar nicht verstehen kann. Den Leuten, die das überhaupt nicht verstehen, sage ich immer: Es geht nicht darum ein Graffiti zu malen und ein wenig schön zu malen. Es geht um das Bemalen der ganzen Stadt. In keinem Jugendheimkurs der Welt lernst du taggen und da kannst du auch nie King werden. Das widerspricht den Gesetzten von Graffiti. Stell dir vor einer will Fußball spielen, richtig, elf gegen elf auf einem großen Platz. Stattdessen gibst du ihm einen Softball und sagst: Spiel damit im Wohnzimmer.

2. Graffiti ist politisch, weil es Zeichen illegal in die Städte setzt. Die offizielle Ordnung wird unterlaufen und umkodiert. Graffiti ist eine Form der Anarchie.

Shark: Graffiti ist eine Form der Anarchie, weil du deine eigene Individualität über die Gesetze der

Gesellschaft stellst. Es gibt eine normale Kriminalität im Umkreis von Graffiti: Diebstahl, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Drogen… Dadurch, dass du die Gesetze überschreitest, fängst du auch an, zu reflektieren, fragst: Was sind überhaupt Gesetze, wer macht Gesetze und warum? Das ist der einzige politische Punkt, der aus vielen Graffiti- Malern übrigens kritische Menschen macht. Für sich betrachtet aber, ist Graffiti nicht politisch, weil es nur darum geht zu malen. Indirekt bewirkt man sicher etwas mit der Malerei, aber man will das gar nicht, man will noch nicht mal unbedingt jemanden damit ärgern. Letztlich machst du es nur für dich. Du legst Spuren, die du sehen willst. Und es wird niemand zu dir kommen und sagen: Hey, du bist aber toll. Denn niemand weiß, dass du es warst. Nenn es kreativen Einfluss in dein Umfeld. Man nimmt die Umwelt so, wie sie ist einfach nicht hin, man macht was man will. Es ist sicher arrogant, selbstherrlich, ignorant und absolut respektlos anderen Leuten gegenüber. Deshalb verstehe ich die Leute, die es hasse, denn es ist weder zu legitimieren noch zu erklären. Aber es macht viel Spaß.

3. Graffiti ist Kunst und steht gleichberechtigt neben Picasso oder Van Gogh. Graffiti sollte auch im Museum zu besichtigen sein.

Shark: Es gibt wenige Maler, die ich wieder erkenne, wenn ich ein Bild von ihnen sehe- ah, das ist der. Und das sind die Leute, die seit zehn fünfzehn Jahren dabei sind und sich mit Malerei auseinander setzten. Leute wie Picasso haben sich dreißig, vierzig, fünfzig Jahre mit Malerei beschäftig. Der ist nicht ab uns zu mal losgegangen um ein Bild zu malen, sondern der hat sich tagelang mit Bildern, Formen und Farben auseinander gesetzt. Um aber aus Graffiti Kunst werden zu lassen, bedarf es aber einer mindestens zehn-, wenn nicht zwanzigjährigen Auseinandersetzung mit Formen und Farben, so platt das jetzt auch klingen mag. Als Graffiti- Maler kommst du auch irgendwann an den Punkt, wo du öfter mal merkst: Hey, das und das haben ja schon Leute dreißig Jahre vor mir gemacht. Oder noch krasser: Du kommst plötzlich auf Dinge, die andere schon vor über hundert Jahren geschnallt haben. Insofern ist es vermessen, zu sagen, Graffiti ist Kunst und bräuchte ein Museum. Die fünfzehnjährigen Kids da draußen, die sind kreativ, aber sie machen keine Kunst.