Graffiti

Nachdem Breakdance nun wie eine Bombe eingeschlagen hatte und die Jugendkultur sich zu entwickeln begann, bemerkten langsam aber sicher einige Jugendliche, dass es außer Breakdance und der Musik dazu noch etwas anderen gab. Graffiti. In Wild Styl oder Style Wars waren schon voll gebombte1 Hinterhöfe die Kulisse für die Breakdancer. Die Gruppen die sich vorher zum Breakdance getroffen hatten um sich auszutauschen und von einander zu lernen entdeckten teilweise ihre Liebe zum Graffiti. Durch die Filme wurde ihnen vermittelt, gut wenn du Breakdance machst, musst du auch Rap hören und Graffitis malen. Plötzlich traf man sich nicht mehr zum Tanzen, sondern zum Writen2 oder Malen, was beim Graffiti heißt, ein Bild mit Sprühfarben oder Eddings irgendwo zu platzieren. Den ersten Jugendlichen, die mit Graffiti anfingen war oft gar nicht klar, dass sie etwas Illegales machten. Da sie aber öffentliches Eigentum für ihre Bilder gebrauchten, war es Sachbeschädigung und somit strafbar. Graffiti ist allerdings das einzige Risiko im Hip Hop, weil es oft Sachbeschädigung und illegale Aktionen nach sich zieht. So geschah es, dass die Writer3 so etwas wie ihre eigene Mentalität mit sich brachten. Es gab einige Writer3die sagten, Graffiti ist etwas komplett Eigenes und hat nichts mit Rap und so zu tun. Ihre eigene Mentalität war aber durch und durch Hip Hop, eben Sein- Ding machen, gegen die Gesellschaft sein. Wie immer im Hip Hop geht es auch bei Graffiti um Respekt, Fame4 und Battel5. Genauso gab es aber auch viele Writer für die Graffiti einfach dazu gehörte. Die Rap- Musik war der Soundtrack zu ihren Aktionen. Sie waren der Überzeugung, dass Graffiti auf Zügen und Wänden wie Breakdance ist, ein gutes Tag6 ist wie ein guter Move7.

Angefangen hat Graffiti in Europa mit London, Paris und Amsterdam. Während in London und Paris eher legal und sonst sehr versteckt gesprüht wurde, war Amsterdam so etwas wie die Metropole des Graffitis. Die ganze Stadt war voll gebombt und es störte auch niemanden so wirklich, weil dort alle nicht so sehr konservativ eingestellt waren.

Eine Wand in Amsterdam 1985

In Deutschland entwickelte sich Graffiti als erstes in Dortmund und München. Die Gruppen die vorher Breakdance gemacht haben zeigten nun auch großes Interesse für Graffiti. Sie setzten überall in der Stadt ihre Zeichen. Bald kamen neue Gruppen hinzu, die einfach ihr Tag über das der anderen sprühten und nun jagte man sich gegenseitig. Schließlich wollte man wissen, wer hinter diesen Tags steckte. So lernte man langsam die ganzen Gruppen um sich herum kenne. Oft tat man sich dann mit anderen Gruppen zusammen, nicht nur um zu malen, sondern auch um das Material dafür zu beschaffen. Sprühfarben und Eddings waren schließlich teuer und so musste man sich seine Farben zusammen klauen. „Die Leute sahen teilweise echt schräg aus, wenn sie so mit zehn bis fünfzehn achter Eddings im Jackenärmel aus den Läden gingen.1“

1986/87 waren dann die ganz akuten Zeiten. Shark ein Writer aus Dortmund erinnert sich noch ziemlich genau an die Zeit. „ Es war die Zeit, als man nichts anders mehr machte als sich eine möglichst freie Fläche zu suchen, um dort sein Tag zu platzieren. Ja und wenn eben keine Fläche mehr frei war, taggte2 man einfach über eins der anderen drüber. Dann begann die Zeit, wo man Züge und Straßenbahnen nicht mehr nur von außen bombte, sondern sie auch von innen komplett zu sprühte. In Dortmund gab es eine Straßenbahn, die fuhr vom Westfalenstadion, die hatte eine besonders lange Linkskurve und direkt danach eine Rechtskurve. Man hatte also bestimmt eine Minute lang Zeit, die ganze Straßenbahn zuzusprühen.

Wir hatten das in Amsterdam zum ersten Mal gesehen und es dann hier auch gleich eingeführt. Das war echt eine lustige Zeit. Diese Schilder auf denen steht „100 DM Belohnung“, die stammen aus der Zeit. Die haben die damals überall hingeklebt. Die Bullen waren plötzlich auch ständig hinter uns her. Es gab sogar schon Dezernate, die sich ausschließlich mit Writern beschäftigten. Die bekamen ihre Informationen von irgendwelchen Kindern, die ihre Klappe nicht halten konnten. Die Bullen wussten praktisch alles über einen, aber sie konnten es dir nie beweisen und solange du dich nicht hast erwischen lassen, war das nicht weiter ein Problem.1“

1988 wurde Graffiti dann langsam national und international immer bekannter. Zu München und Dortmund kamen dann noch Hamburg, Düsseldorf, Bochum und Essen dazu. Berlin kam erst sehr spät dazu. In dieser Zeit ist mal eine Crew2 aus Dortmund nach Berlin gefahren und hat einige Züge getaggt. Erst danach ging es auch dort so richtig los. In Amsterdam war das die wirklich internationale Zeit. Das ging soweit, dass bei den großen Aktionen Leute aus aller Welt dabei waren, wie z. B. aus Sydney und Brasilien und nur wenige die aus Amsterdam selbst kamen. Wenn man in dieser Zeit ein aktiver Writer war, fuhr man regelmäßig in die verschiedenen Städte und traf sich dort mit den anderen Writern. Im Laufe der Jahre lernte man nicht nur viele Leute kennen, sondern gleichzeitig auch verschiedene Arten zu sprühen und die verschiednen Tags. Jede Stadt hatte z. B. ihren ganz eigenen Stil. In Dortmund war die Hauptsache, dass die Tags groß waren. Hier kam es nicht so sehr auf Form und Farbe an, es war einzig und allein wichtig, dass die Bilder groß waren und schnell gingen. In München und Köln dagegen waren die Tags oft sehr schön und aufwendig gesprüht worden. Man hatte sich Zeit gelassen und das hatte sich dann auch gelohnt. Hamburg war so eine Mischung von beidem, nicht wirklich schön aber auch kein Geschmiere wie in Dortmund.

So um 1989/ 90 wurde es dann langsam wieder ruhiger um Graffiti. Die Leute, die damals angefangen haben, sind älter geworden. Die Jugendlichen, die neu hinzukamen, wussten oft nicht, worum es eigentlich geht und machten so eine Menge des Old School feeling kaputt.

Die Anfangsgeneration ist heute so um die 25-30 Jahre alt, sie gehen auch noch manchmal taggen, aber eben nicht mehr so häufig wie vorher. Sie haben der jüngeren Generation Platz gemacht, mit dem Wissen, dass sie eine einzigartige Zeit hatten, die wahrscheinlich eher nicht noch mal wieder kommt. Nun ist die jüngere Generation dran und es geht weiter, nicht mehr so heftig wie früher aber es geht.